Wieder kein Jahresrückblick

Vielleicht ist es allen ungeduldigen Menschen eigen, ich bin jedenfalls kein Beispiel für Rückwärtsgewandtheit. Von daher liegt es mir nicht, das Jahr 2022 im Schnelldurchlauf zu betrachten nach dem Motto, ich hätte den Film verschlafen und ziehe mir jetzt die Kurzfassung rein, um den Schulaufsatz abzuliefern.

Mein Blick geht am liebsten nach vorn, ungeduldig, was kommt, hoffend, dass viel Schönes dabei sein wird. Immer ein Schritt vor, durchaus im Bewusstsein des Mitgestaltungsrechtes mittels guter Vorsätze. Sport rangiert in den Listen gern weit oben. Auch bei mir bedeutet es nicht unbedingt, sofortige Umsetzung. Der Silvesterlauf um den Teufelsberg und/oder den Teufelssee in Berlin zum Beispiel hat mich gereizt. Doch obwohl Westberlin von Potsdam nicht weit entfernt, das Wetter ungewöhnlich mild ist und ich nichts anderes vorhabe, als diesen Text zu schreiben, bewege ich mich nicht durch die laue Natur Berlins, sondern sitze wie üblich vor dem Laptop an meinem Küchentisch, der sportliche Hüftschwung kommt mit Lambada aus dem Radio.

Dennoch hat das kommende Jahr bessere Aussicht, ein sportliches zu werden, als das zurückliegende. Im Dezember hat nämlich neues Equipment Einzug in unsere Wohnung gehalten. Nachdem nun auch die notwendige Schonmatte für den Fußboden eingetroffen ist, steht der Nutzung des Rudergerätes nichts mehr im Weg. Passenderweise hat es im Arbeitszimmer Platz, eine ständige Mahnung beim Hinsetzen und Aufstehen im Rücken meines Bürostuhls.

Dabei fällt mir auf, dass wir ab jetzt wie für Zirkeltraining ausgerüstet sind. Im Zimmer gegenüber, dass von der Jugend bewohnt wird, sind Übungen an Sprossenwand und Trampolin möglich. Sofern die hölzernen Holme von den Terrabändern befreit und die schwingende Fläche nicht mit gestapelter Wäsche und Ausbildungsordnern belegt ist. Unter der Bücherbank im Wohnzimmer hockt die Vibrationsplatte, zugedeckt mit Yogamatte und Faszienrolle. Als Stretchingbereich bieten sich nach wie vor die oberen Fenster der Wohnung an, die besonders im Bad im erhöhtem Schwierigkeitsgrad nur mithilfe Turnerei auf dem Wannenrand erreichbar sind.

Im Moment komme ich da nicht an, muss mich wohl beim Tragen und Umherschieben der Bücherkisten gezerrt haben. Die werden in meiner Vorstellung demnächst leerer, wenn die avisierten Lesungen die Nachfrage nach meinem Psychothriller Gelogenes Leben anheizen, den ich nach etlichen Jahren des Brütens endlich in die Hitze des letzten Sommers entlassen habe. Insgeheim wünsche ich mir eine Verfilmung des Stoffes, weil das Lesen dem gehetzten Publikum zu viel Zeit abverlangt. Bis es so weit ist, werde ich weiter kleine Filmchen von Lesungen und Auftritten in meinem YouTube-Kanal Literatur-von-Ina-Wulf hochladen.

Bananarama singt vom Cruel Summer, während sich das Tastaturtippen deutlicher zwischen meinen Schulterblättern abzeichnet als auf dem Bildschirm. Zeit für das Rudergerät.

Sport frei 2023!

Die Welt hat einen Engel mehr – meine Omi.

Mit 98 1/2 Jahren hat sie Flügel verliehen bekommen. Natürlich ging sie an Weihnachten!
Ich bin dankbar und doch zerreißt mich ihr Fortgang. Wir sind eben Menschen!

Am 14.12.22, als ich sie das letzte Mal besuchte, war sie längst nicht mehr da. Jahre zuvor haben Frau Alzheimer und Herr Demenz die Gedanken meiner Omi mit Geschwätz betäubt und die Wirbelbrüche der Familie Osteoporose beraubten sie ihrer Beweglichkeit. Es tat unglaublich weh, sie so zu sehen und nicht helfen zu können.

Im Anschluss schrieb ich eine Kurzgeschichte aus Erinnerungen an schöne Zeiten, mit meiner eigenen Hilflosigkeit und guten Wünschen für sie und unbelehrbarer Hoffnung auf Besserung. Seit fünf Tagen ist der Text fertig. Es hätte der Beitrag für den nächsten Auftritt sein sollen. Aber hier ist sie, die Geschichte. Für dich, meine liebste Omi.

Irgendwann vielleicht
„Noch mal“, ruft das kleine Mädchen ins Dunkel. „Noch mal über das Seil!“
„Nein, das reicht. Deine Nabelschnur soll nicht verheddern. Außerdem muss ich los.“
„Kommst du wieder?“
„Irgendwann vielleicht.“
„Erkenne ich dich dann?“
„Kann schon sein. Bis dann.“

Die Frühlingsluft lässt erste Knospen vor dem Krankenhaus sprießen. Ungeduldig liegt das Mädchen im Bett. Nach dem schweren Ski-Unfall hofft sie, bald ohne Apparate atmen zu können.
Unerwartet bekommt sie Besuch.
„Hallo, wer bist du denn? Du hast dich bestimmt im Zimmer geirrt.“
„Ja, wahrscheinlich. Vielleicht auch nicht. Mein Name ist Totti. Wie geht es dir?“ Dem Jungen ist der Mantel viel zu lang. „Irgendwie habe ich den Anschluss verloren. Das passiert mir dauernd.“
„Kann ich dich aufmuntern? Ich weiß nicht mal, welcher Tag heute ist.“
„Ich auch nicht. Offensichtlich nicht unserer.“
Sie lachen beide.
„Das tat gut. Mir geht es schon viel besser. Danke für deinen Besuch, Totti. Vielleicht sieht man sich wieder.“
„Ja, irgendwann vielleicht.“

London im Sommer. Lauwarme Wolken über der Stadt, Hochbetrieb auf der Millenniumbrücke. Der Ruhepunkt mittendrin: ein Mädchen, das den schwarzen Wellentanz unter sich beobachtet.
„Was siehst du?“, fragt ein junger Mann in elegantem Mantel.
„Nichts“, sagt sie. „Ich kann überhaupt nichts sehen, und ich will auch nicht.“ Sie dreht sich zu ihm, er bemerkt ihre verheulten Augen.
„Liebeskummer?“ Sie nickt.
„Wenn du willst, bleibe ich bei dir, bis du genug siehst, um weitergehen zu können.“
Sie nickt und schaut wieder aufs Wasser. Nach einer Weile blickt sie ihn an. „Wer bist du?“
„Mein Name ist Todd.“
„Ich hätte heute auf einer Hochzeit tanzen sollen. Magst du mit mir tanzen?“
„Tut mir leid, ich kann das nicht. Sonst gerne. Außerdem muss ich los, ich bin spät dran.“
„Sieht man sich wieder?“
„Irgendwann vielleicht.“

Wind treibt feuchtes Laub gegen die Grabsteine. Das reife Mädchen wendet sich von dem bepflanzten Hügel ab. Ein Mann im langen Mantel kreuzt ihren Weg.
„Guten Tag“, sagt sie. „Ich kenne Sie, Sie standen neben dem Baum dort drüben.“
„Ich wusste nicht, dass Sie mich bemerkt haben.“
„Es kommen nicht viele Leute her. Man sagt, auf dem Friedhof sucht der Tod sein nächstes Opfer.“
„Aber Sie glauben nicht daran?“
„Nein. Ich denke, im Pflegeheim hat er mehr Auswahl. Sie erinnern mich an Jemanden.“
„So, an wen denn? Jemand Nettes, hoffe ich.“
„Er hieß Todd, und ja, in seiner Gegenwart war ich nicht so traurig. Sie sehen aus wie er, nur älter. Schade, wir haben uns nie richtig kennengelernt. Danke, dass Sie mich an ihn erinnern.“
„Gern geschehen. Ich muss los.“
„Kommen Sie wieder her, irgendwann?“

Blasses Winterlicht fällt durch das Fenster. Das alte Mädchen liegt kraftlos im Bett. Jeder Tag streicht grau über sie hinweg. Plötzlich bemerkt sie, wie eine hohe Gestalt das Zimmer betritt.
„Wer bist du?“, fragt sie. „Du kommst mir bekannt vor.“
„Guten Tag, meine Liebe. Ich bin Totti, und Todd bin ich auch.“
„Verstehe, Gevatter. Du bist alt geworden. Wo warst Du so lange?“
„Beschäftigt, es gab viel zu tun.“
„Damals, auf der Brücke, hätte ich so gern mit dir getanzt. Heute kann ich es leider nicht mehr.“
„Es wird gehen, wenn ich dich in den Arm nehme.“
„Irgendwann vielleicht?“
„Was spricht gegen jetzt?“

Leseauftritte zum Anschauen auf YouTube

Die Website hat nicht genug Platz.
Deswegen sind einige Videos zu vergangenen Auftritten ausgelagert und seit Neuestem auf YouTube zu sehen. Keine Profiqualität, aber man sieht und hört, worum es geht.

https://www.youtube.com/channel/UC6_xIPKoOCg6hjnKJu57osA

Psychothriller: Gelogenes Leben -Die Wahrheit entsteht im Kopf

Beispielcover

Jetzt geht’s looos!
EBooks über https://www.amazon.com/author/ian.wolf und über Tolino-Vertragspartner

Taschenbücher als Softcover bei Tredition
728 x 90

Entscheide selbst, wie du lesen willst!
In der Beschreibung ist zu jedem der fünf Bücher hinterlegt, was die Teile voneinander unterscheidet.

Für dich ist nützlich zu wissen, dass es zwei Einzelausgaben gibt und drei Gesamtmischungen.

Der Fokus beim Lesen ist jedes Mal anders ausgerichtet. Zwar ist die Geschichte immer dieselbe, aber in deinem Kopf entsteht sie durch die verschiedenen Kombinationen mit jedem Lesen anders.

Die Serie Gelogenes Leben

… ist eine Einladung an die Leserinnen und Leser, selbst zu wählen, aus wessen Perspektive, Täter oder Opfer, und in welchem Tempo sie die Handlung des Psychothrillers erfahren wollen. Die Geschichte zweier gegenpoliger Protagonisten, die nach fünfzehn Jahren und dreizehn Tagen wieder aufeinander treffen.

In Gelogenes Leben – Meine Tage mit ihr.

… ist der Ich-Erzähler der Psychopath Dr. Edgar Sandmann. Der enthaltene Prolog ist der rasante Einstieg in den Thriller, dessen Dynamik durch die Lebens- und Gedankenwelt des Psychopathen bestimmt wird. Wer es schnell mag, liest diese Buchvariante. Die Ausgabe ist die kürzeste Version der Geschichte mit einem Ende, das gegenüber den anderen Veröffentlichungen die detailliertere Auflösung gibt.

Gelogenes Leben – Meine Nächte mit ihm.

… hat als Ich-Erzählerin die junge Mordermittlerin Mia. Diese Ausgabe verzichtet auf den Prolog und ermöglicht den Leserinnen und Lesern einen moderaten Einstieg in den Psychothriller. Die Spannung steigt konsequent bis zum finalen Aufeinandertreffen. Hoch emotional bis zum Ende.

Gelogenes Leben – Meine Tage mit ihr. Meine Nächte mit ihm. Er zuerst.

… enthält bis auf das Finale aus Nur er beide identischen, oben beschriebenen Buchteile hintereinander. Der Edgar-Teil endet in der Stunde, in der die Protagonisten aufeinandertreffen, und wird nach dem Mia-Teil in einem gemeinsamen Finale weitergeführt. Die vollständige Geschichte für Schnellleser, die nach dem Lesen des ersten Teils die Puzzlestücke aus Teil 2 zu einem Bild fügen möchten.

Gelogenes Leben – Meine Nächte mit ihm. Meine Tage mit ihr. Sie zuerst.

… entspricht der vorigen Version in umgekehrter Reihung mit gemeinsamem Finale. Die vollständige Geschichte für Schnellleser, bei dem die Puzzlestücke das Bild in anderer Reihenfolge zusammenfügen.

Gelogenes Leben – Meine Tage mit ihr. Meine Nächte mit ihm. Gesamt.

… ist die taggleiche Kapitelmischung beider zuvor getrennter Ausgaben. In dieser Zusammenstellung entsteht ein neuer Gesamteindruck beim Lesen, die unterschiedlichen Erzählgeschwindigkeiten mischen sich und sorgen für den Wechsel von Spannung und Emotionalität. Die ganze Geschichte in voller Wucht.

Kleine Werkschau

Die Kleine Werkschau ist fertig.
Eine Art Visitenkarte als Lyrikerin, als Autorin, als Fotografin.

51 Seiten Text, abwechselnd Lyrik und Kurzgeschichten, aufgelockert und unterstützt mit Fotografien.
Bei Interesse kann gern unter der Kontaktadresse bestellt werden.

Von wegen alt

Irgendwann ist es (shit happens) einfach das Zuvielste, und dann geht es nicht mehr wie vorher. Das Leben im eigenen Körper, wie es bis dahin funktionierte, muss neu zurechtgerückt werden.
Dann sitzt du beim Orthopäden und diktierst deine Anamnese, all die Knochenbrüche, die dich langsam werden lassen, und beim Aufzählen merkst du, dass es schon ein paar Jährchen gebraucht hat, die Blessuren einzusammeln, und ganz plötzlich begreifst du, warum du langsam geworden bist. Du wirst alt!
Aber nein, denkst du, du willst nicht zum alten Eisen gehören. Jetzt doch noch nicht. Bis eben, bis kurz vorher, bis vor dem letzten Knocheneinspruch, lief alles noch wunderbar. Da geht noch was, bitte!
Allerdings! Es gibt Hoffnung, weil es Ärzte und Therapeuten gibt, die die Hoffnung nicht aufgeben. Und es gibt Physiotherapeuten, die zugleich Chiropraktiker sind. Die kriegen das wieder hin. Es dauert ein paar Wochen, aber dann ist sie da, die erhoffte Besserung.
Dein altes Leben winkt um die Ecke, im Sinne von „früheres“ Leben, nicht im Sinne von „alt“. Es schmeckt wieder nach lockerer Bewegung an frischer Luft, es fühlt sich nach Runderneuerung an. Angefangen bei den Füßen, Beckenaufrichtung, Wirbelstellungskorrektur von LWS über BWS bis HWS, Kenner wissen, was gemeint ist. Plötzlich wird sogar die Atmung freier.
Dass du dich innerlich wieder jung fühlst, merkst du spätestens, wenn du dir bei der Korrektur der Kiefergelenke Sorgen um die Faltenbildung an Hals und Gesicht machst. Spätestens dann bist du der Heilung ziemlich nahe. Nur über deine Prioritäten solltest du dir neue Gedanken machen.
In dieser Verfassung stehst du sogar nach einem neuen unnötigen (shit happens) Fahrradsturz wieder auf und fährst weiter! Vielen Dank! https://praxis-frank-erdmann.de/theorie/

Schwarze Katze oder Mittwoch, der 13.

Mein Vater brachte uns das Kartenspiel „Schwarze Katze“ bei. Kurz nach meinem zwölften Geburtstag. Kurz nachdem er bei meiner Mutter und mir eingezogen war.

Die Einzelheiten oder Regeln des Spiels müssen gar nicht erklärt werden, um bloßzulegen, weshalb es nicht mein Lieblingsspiel wurde: Man kann keine Pluspunkte sammeln. Im gesamten Kartenspiel, vom ersten bis zum gnadenvollen letzten Stich geht es darum, so wenig wie möglich Minuspunkte oder anders ausgedrückt, keine herzverseuchten Stiche, auf der eigenen Tischseite zu stapeln. Die hübscheste und zugleich schlimmste Karte im Blatt, die Pikdame, war von nun an mit schlechtem Ruf unterwegs. Mein Harmonieempfinden wehrte sich gegen die Kartenrunden, denn wie oft wir uns in bester Absicht, Familienzeit miteinander zu verbringen, zusammensetzten, jedes Mal gingen wir im Streit auseinander. Wie kann man auch annehmen, gutes Karma zu verbreiten, indem man den Mitspielern alles Schlechte in die Schuhe schiebt, ohne die Möglichkeit für jene, innerhalb der Familienzeit mit Pluspunkten aus dem Gefühlskeller zu klettern? Also beschloss ich zu verlieren, mit Absicht, aber nicht für immer.

Über dreißig Jahre später starte ich an einem Januarmorgen den Weg zur Arbeit. Wie immer ein bisschen spät, weil ich mir nicht merken kann, dass die Baustelle kurz vor dem Bahnhof die direkte Einflugschneise ewig noch versperrt. Vielleicht schaffe ich es trotzdem. Es ist Mittwoch, der 13. Ich haste die Treppen des Mehrfamilienhauses hinunter und falle beinahe über das schwarze Tier. Die Katze liegt im Weg. Nicht das erste Mal. Sie liegt überall rum, als wüsste sie nicht, wohin sie gehört. Ungeliebt oder aussortiert? Kurz vor der Haustür steht ein Allzweckkorb, in den Bücher, angeschlagene Tassen und Gläser und Werbezeitschriften ohne Umweg über den Briefkasten in den Abfall wandern. Direkt über der illegalen Hausmülldeponie prangt ein Schreiben der Hausverwaltung, das Aussortiertreiben zu unterlassen. In diesem Korb lag die Katze noch nie.

Mit dem ersten Schritt vor die Tür verlängert sich die benötigte Zeit zum Bahnhof blitzeismäßig. Es ist sauglatt! Glücklich am Büro angekommen, stelle ich fest, in der Eile die Einlasskarte vergessen zu haben. Überall nur geliehenen Zutritt zu haben, macht ziemlich unbeweglich. Noch dazu ist mir die Schlaufe meiner vorgeschriebenen Mund-Nasen-Bedeckung gerissen, was mir den Eintritt beim Bäcker erschwert. Nicht so schlimm, ich kann sowieso nichts kaufen, weil die Geldbörse auch zuhause geblieben ist, in der anderen Jacke.

Wieder zurück im häuslichen Treppenhaus, liegt die Katze auf der Fußmatte, quer drüber, und weiß nichts von ihrer Symbolkraft. Mir ist zwar nicht klar, wer die Karten verteilt hat, aber es sieht so aus, als blieben mir die Minuspunkte nicht erspart. Ich kann das Tier nicht in die Wohnung lassen, Katzenhaarallergie. Mit weitem Schwung gelange ich über das Tier hinweg in den rettenden Flur und streiche den Tag auf dem Kalender durch mit der Erkenntnis, der 13. muss nicht immer ein Freitag sein, und diese Katze ist wahrscheinlich ein Kater.

Buchrezension Schreibtisch mit Aussicht (Hrsgb. Ilka Piepgras)

Dieses Buch braucht mehr als ein Lesebändchen. Ich wüsste sie alle unterzubringen. Am besten mit aufklappbaren Themenhinweisen.

Es ist ein weiteres Lehrbuch über das Schreiben und gleichzeitig so viel mehr. Eine lebenskluge Enzyklopädie von während der Schreibarbeit auftretenden Gemütszuständen, ein Hilfsmittel der Arbeitspsychologie, das gut in die Abteilung Selbsthilfe passt, dabei gleichzeig spannende Unterhaltung und Inspiration.

Jeder Autorinnenabschnitt steht für sich. Die von der Herausgeberin vorgegebene Reihenfolge muss beim Lesen nicht eingehalten werden. Obwohl ich also die mir bekannten Schriftstellerinnen zuerst ansehen könnte, habe ich dennoch von vorn durch die Seiten gelesen, und bin jetzt ungefähr in der Hälfte angelangt.

Vor einigen Kapiteln, im Beitrag von Kathryn Chetkovic, habe ich das ungeschriebene Gesetz sauberer Bücher nicht mehr einhalten können. Ich zückte den Bleistift und strich Wörter, Sätze, ganze Passagen an, malte Ausrufezeichen neben Absätze und schrieb mir Notizen an den Rand, so sehr wünschte ich mir, mit Jemandem über das gerade Gelesene zu reden.

Das Buch durchzulesen ist wie, nacheinander an Seminaren im Studienfach Überleben als Schriftstellerin teilzunehmen, mit Professorinnen, deren Ruf und Fachkenntnis ihnen vorauseilt.

Lauter Koryphäen sind zu ihrem Schreiballtag befragt und in dem Buch versammelt. Ihre Berichte und Erzählungen wirken wie Stellungnahmen, die das eigene Schreiben entweder niedermachen oder aufrichten können. Beides ist möglich. Wenn man sich in den beschriebenen Situationen wiedererkennt, ist aber eines gewiss, man ist mit Leib und Seele Schriftstellerin!

Wo kommt das her?

Das letzte Stück Weg zu meinem Bürojob könnte ich innerhalb fünf Minuten mit nur drei U-Bahnstationen zurücklegen. Doch nicht erst seit Corona laufe ich lieber zu Fuß. Berlins Mitte zeigt mir früh morgens, um kurz vor sechs, ein verschlafenes Gesicht. Die Stille auf dem Gendarmenmarkt hat etwas Weiches, irgendetwas zwischen Kissen und Federbett. Wo letzten Sommer jeden Nachmittag Touristengruppen, Hochzeitsgesellschaften, Studententreffen und Geschäftsbesprechungen durchgeführt, fotografiert und abgehalten wurden, sind nun Schatten und Schrittgeräusche meine einzigen Begleiter.

Umso erstaunter bemerke ich die festliche Beleuchtung ringsum. Jede Lampe ist in Dienst berufen. Die ansässigen fünf-Sterne-Hotels beherbergen kaum Gäste. Dennoch scheint der Anblick der Entrees ein wahres Fest im Innern zu versprechen. Die Bauzwillinge, der Französische und der Deutsche Dom strahlen golden um die Wette. Gewinner ist das Schauspielhaus dazwischen mit rotem Stimmungslicht, das jeden Sonnenaufgang verblassen lässt. Der Platz wirkt auf mich wie ein Christbaum nach dem Fest, dem die Lichterkette noch umhängt. Hier, im deutschen Herzen der EU, wird der Wahlspruch der Schotten (Lasst das Licht an, wir kommen zurück!) ernst genommen und für die eigene Krise benutzt.

Der Schneeregen macht das historische Pflaster noch einsamer. Andere eilige Seelen nehme ich nicht wahr, so tief ducke ich mich unter den Schirm. Den Blick nach unten gerichtet, husche ich durch ein paar Flocken, die so einzeln wie ich unterwegs sind. Es könnte glatt sein. Bloß nicht ausrutschen. Der Bruch im Handgelenk ist gerade am Verheilen, das Metall hält ihn noch zusammen.

Zwischen zwei grauen Steinen am Ende des Platzes schimmert es kupferfarben und rund. Ein eingesunkener Kronkorken vielleicht? Ich schubse das Blinken mit der Stiefelspitze, es hopst eine Ritze weiter. Ich bücke mich und halte ein fünf-Cent-Stück in den Fingern. Wo kommt das denn her? Schon lange sind die Geschäfte und Restaurants geschlossen. Seit Wochen flanieren hier keine Besucher, deren Geldbörsen locker genug sitzen, dass Bettler ihnen ein paar Münzen abluchsen könnten. Obdachlose habe ich ewig nicht gesehen. Verschwanden sie vor den Besuchern? Außerdem ist selbst in Bistros und Imbissbuden der Zahlungsverkehr auf bargeldlos umgestellt.

Mehr und mehr begreife ich unter diesen Umständen mein Glück, ein Centstück gefunden zu haben. Noch dazu ohne Tageslicht und bei miesem Wetter! Wieder fällt mir die Geschichte mit dem Glückscent ein, den man für den Nächsten „verlieren“ soll, damit dem Finder ein kleines Lächeln passiert. Ich stecke die fünf-Cent-Münze ein, einen Moment behalte ich sie noch.

Vorsicht – Sie schreibt!

Im Prozess der Anerkennung ihrer Tätigkeit als Autorinnen werden Frauen manchmal-oft-immer indirekt-direkt gefragt, warum sie schreiben. Ob Männer sich dazu genauso oft auslassen müssen, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht haben sie offensichtlichere Gründe. Vielleicht nimmt man selbstverständlich das Ergebnis ihres Schreibens als Anlass ihrer Aktivität an.

Aber eine Frau, warum schreibt sie? Wer ist sie? Wen oder was kann sie (dadurch) erreichen? Will sie etwa ein Mann sein und projiziert diesen Wunsch auf ihre Figuren, um auf diese Weise das fehlende Männliche in sich zu kompensieren? Manchmal stelle ich mir überrascht dieselbe Frage. Und bin damit nicht allein in der Welt der Schreibenden.

Neulich bekam ich ein Buch geschenkt über Schriftstellerinnen und ihr Schreiben.
Eine Autorin in dem Buch verrät, sie konnte ihre Protagonistin nicht leiden wegen ihrer „weiblichen Probleme“, sie „mochte sie nicht, weil sie schwach und abhängig war und sich las wie ein Opfer“.

Mit der weiblichen Hauptfigur meines Psychothrillers erging es mir ähnlich. Mein Roman ist ein Hybrid aus Täter- und Opferperspektiven. Beide Figuren, männlicher Täter und weibliches Opfer, sind Schöpfungen meines Geistes, plus natürlich das Begleitpersonal. Es sollte eine ausgewogene Sache werden. Nach ungefähr der Hälfte des Romans geriet ich jedoch ins Schleudern. Das (weibliche) Opfer kam in der Geschichte zu schlecht weg, während der (männliche) Täter mich mehr und mehr reizte.

Ich war drauf und dran, die weibliche Hauptfigur sterben zu lassen, weil sie mir nicht stark genug erschien, zu ergeben in ihr Schicksal. Probleser*innen meines unfertigen Stücks waren anderer Meinung. Sie hegten Sympathien für die Hauptfigur und bangten um ihr Überleben (übrigens nur die weiblichen Leser, die männlichen sahen eine interessante oder schlicht natürliche Wendung im Ableben der Figur). Um sie zu retten, gab ich ihr eine besondere Art, sich mitzuteilen und gleichzeitig für sich zu bleiben. Erst danach war ich einverstanden, mit ihr weiter zu arbeiten.

Seltsamerweise habe ich mich im gleichen Maße, wie sich meine Figur vor ihrer Umwelt verschloss, meiner Umwelt gegenüber geöffnet. Als hätte ich meine Person gespalten in eine männliche Schattierung, die ich der Hauptfigur gab und eine weibliche, die ich für mich behielt und ausbaute. Ich wurde weiblicher, je männlicher ich schrieb.

Nun, wo der letzte Punkt hinter das letzte Wort gesetzt ist, gehören sämtliche Figurenteile wieder mir. Ich frage mich, ob das in Bezug auf den männlichen Anteil gut oder schlecht ist, denn ich bin gerne Frau, und wo oder wie gut ich die, fast von selbst in die Geschichte fließende, Boshaftigkeit des Täters eingesperrt habe. …!